Höxter (TKu). Wenn andere an Wintersonntagen die Heizung hochdrehen, heißen Tee trinken und es sich auf dem Sofa gemütlich machen, ziehen sie Badehose oder Badeanzug an, setzen sich eine Mütze auf den Kopf und steigen ohne Zögern ins eiskalte Wasser. Was für viele unvorstellbar klingt, ist für eine wachsende Gruppe in Höxter längst zur liebgewonnenen Routine geworden: das Eisbaden im Freizeitsee an der Freizeitanlage Höxter-Godelheim. Jeden Sonntag um 16 Uhr, ganz unverbindlich und ohne Vereinszwang und Mitgliedsbeitrag, trifft sich die Gruppe am Freizeitsee Höxter-Godelheim. Wer möchte, kommt vorbei, zieht sich um und geht ins Wasser, so einfach ist das Prinzip. Doch hinter der scheinbaren Spontanität steckt eine Idee, die inzwischen eine große Gruppe von Höxteranern stark begeistert.
Initiator der Aktion ist Uwe Goldschmidt aus Höxter. Seit November 2024 geht er gemeinsam mit Gleichgesinnten regelmäßig baden und das auch bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Minus fünf Grad Celsius Lufttemperatur, Eis auf dem Wasser oder geschlossene Schneedecken am Ufer schrecken die Gruppe nicht ab. Im Gegenteil: Gerade diese Extreme machen für viele den Reiz aus. Die Idee zum Eisbaden kam Uwe Goldschmidt fernab von Höxter. Bei Aufenthalten an der Nordsee ging er bei Wind und Wetter ins Meer. Bilder davon stellte er in seinen Status, woraufhin zwei Bekannte sofort begeistert reagiert und Interesse bekundet hätten, so Goldschmidt. Aus drei wurden schnell vier, dann neun und nachdem schließlich auch die Zeitung darüber berichtete, wuchs die Gruppe weiter an. Heute beteiligen sich regelmäßig mehr als 15 Frauen und Männer am sonntäglichen Bad.
„Das Baden ist gut für das Immunsystem“, sagt Goldschmidt überzeugt. Seit er regelmäßig ins kalte Wasser geht, sei er seltener krank oder schneller wieder gesund. Zudem würden Endorphine, also Glückshormone, ausgeschüttet, was sich positiv auf die Psyche auswirke. „Diese Glücksgefühle sind einfach phänomenal“, beschreibt er den Moment nach dem Bad, wenn der Körper kribbelt und die Kälte langsam nachlässt. Für viele Teilnehmende sei der sonntägliche Termin inzwischen fest eingeplant. Der ganze Tag werde um das Eisbaden herum organisiert, erzählt Goldschmidt, so groß sei die Vorfreude. Dabei gilt eine wichtige Regel: Jeder badet nach seinem eigenen Ermessen. In der Regel bleiben die Eisbaderinnen und Eisbader etwa fünf Minuten im Wasser. Am vergangenen Sonntag hatte der See rund zwei Grad Wassertemperatur bei winterlicher Kulisse mit viel Schnee rund um das Ufer.
Trotz aller Begeisterung mahnt der Initiator zur Vorsicht. Ungeübte und Neulinge sollten ihren Gesundheitszustand prüfen lassen und im Zweifel auch mit dem Hausarzt sprechen. Bei Kälte zögen sich die Blutgefäße stark zusammen, der Blutdruck könne deutlich ansteigen, was für Menschen mit Vorerkrankungen problematisch werden könne, sagt Goldschmidt und ergänzt: „Man sollte seinen Körper ernst nehmen und nichts erzwingen." Das regelmäßiges Eisbaden abhärtet, spüre er selbst deutlich. Bei acht Grad Außentemperatur gehe er inzwischen problemlos im T-Shirt vor die Tür. Als im vergangenen Jahr im März die Wassertemperatur auf etwa zehn Grad stieg und der „Kick“ fehlte, vermisste er das Eisbaden so sehr, dass er kurzerhand nachhalf. Mit einer abgedichteten Kühltruhe, gefüllt mit 300 Litern Wasser, stellte er sich zu Hause eine vier Grad kalte Alternative bereit. Selbst im Sommer stieg er dort alle zwei Tage hinein.
Auch am Freizeitsee wurden die Bedingungen schon extrem. In der Woche zuvor lag Eis auf dem Wasser, im vergangenen Jahr war der See sogar komplett zugefroren. Damals musste erst eine Stelle aufgeschlagen werden, um ins Wasser zu gelangen. Für Außenstehende möge das verrückt wirken, für die Eisbaderinnen und Eisbader gehöre es dazu. „Jeder, der Interesse hat, ist herzlich willkommen“, sagt Goldschmidt. Mehr als Badebekleidung und ein Handtuch brauche es nicht. Was man allerdings mitbringen sollte, so Goldschmidt, sei eine Portion Mut und die Bereitschaft, die eigenen Grenzen kennenzulernen.
Fotos: Thomas Kube